junges boat people projekt

Zu Beginn des Jahres 2014 hat das boat people projekt Nachwuchs bekommen, und seither wächst das Jugendprojekt unseres Freien Theaters stetig. Als wir das Mehrgenerationen-Festival FLUCHTPUNKT GÖTTINGEN veranstalteten und in diesem Rahmen das Stück NACH DEM FRÜHLING mit Beteiligung von dreiundzwanzig unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen auf die Bühne brachten, war uns schnell klar, dass es sich bei der Premiere um eine Geburtsstunde handelte – das junge Projekt war geboren.

NACH DEM FRÜHLING war geprägt von der Zeit der Ankunft vieler Jugendlicher in Göttingen. Mit kaum Deutschkenntnissen stolperten sie in den Probenraum, zu jeder Probe – wenn man überhaupt von Proben sprechen kann – , kamen mehr Jugendliche zusammen. Bis zur Premiere blieb das so. Das Prinzip war von Beginn an, dass jede und jeder sich noch in das entstehende Stück integrieren konnte. Zwei zwölfjährige Jungen aus Eritrea kamen bei der Premiere erstmalig mit auf die Bühne. Einzelne Spieler hatten größere Rollen übernommen, und sie waren es dann, die den anderen den Weg durch das Stück wiesen. Deutsche Sätze wurden ein halbes Jahr lang auswendig gelernt und nach und nach mit Leben gefüllt.

Die erste Szene des Stücks war eine Herausforderung an die Spieler*innen, für uns als Team und für die Zuschauer. Die Jugendlichen – aus Syrien, Irak, Afghanistan, Eritrea, Somalia und Kosovo – , traten auf und versammelten sich im großen Kreis, die Gesichter nach innen gewandt. Niemand hatte Blickkontakt mit dem Publikum. Nach und nach wurde im Kreis gesprochen, auf Arabisch, auf Farsi, Pashtu, auf Tigrinya. Sehr leise erzählten die Spieler*innen etwas von sich, von ihren Wünschen und den Hoffnungen für ihre Familien und ihr Land.

Bei den Proben wurde viel geweint und die Szene dauerte unendlich lang. Auch bei den Aufführungen waren die ca. fünfzehn bis zwanzig Minuten, gefüllt mit fremden Sprachen, eine lange Zeit. Dennoch war es im Cheltenham House ganz still. Die meisten Leute werden gefühlt haben, was hier Ungeheuerliches vor sich ging. Ein Grenzgang wurde unternommen.

Wir wussten nicht genau, ob es richtig war, den Jugendlichen diese Szene zuzumuten. Wir waren bereit, diese Szene als Prozess anzusehen und sie nicht zu zeigen, aber die Geschlossenheit des Kreises gab den Jugendlichen eine Gemeinschaft, die außerhalb des Kreises auch während der Treffen in dem Maße nicht existierte. Sie selbst wollten auf dieses Ritual des Beginns, soweit wir das den mühsam gedolmetschten Äußerungen entnehmen konnten, keinesfalls verzichten.

In diesem Kreis ist das junge boat people projekt entstanden. Viele der Jungs (zu dem Zeitpunkt waren überwiegend junge Männer alleine nach Göttingen geflüchtet) sind dem Projekt treu geblieben. Wir haben zusammen Deutsch gelernt und vieles mehr: Das Stück IM SCHLOSS – DEUTSCHLAND FÜR ANFÄNGER präsentierte im Juni dieses Jahres eine ganze Reihe „Fortgeschrittener“. Das Schloss ist ein besonderes Stück geworden, das die Festung Europa mit Poesie, Witz und Musik durchdrungen hat. Dass wir es nur zwei Mal spielen konnten, hat mit der Fragilität des Unterfangens zu tun. Für einzelne Teilnehmer war es nicht mehr möglich, öffentlich aufzutreten, und daher haben wir alle weiteren Vorstellungen abgesagt. Dabei wird das Stück noch immer nachgefragt, und die, die es gesehen haben, hat es offenbar tief beeindruckt – für mich persönlich ist es eins der wichtigsten Stücke mit dem boat people projekt überhaupt gewesen, und ich hätte es gerne an vielen Theatern gezeigt. Aber so bleibt es als kleiner Mythos bestehen, für manche Zuschauer und auch für die Gruppe, die sich noch immer gerne in Stückzitaten vom SCHLOSS unterhalten.

Zuletzt hat das junge boat people projekt im Film MORGENLAND mitgespielt und mitgewirkt. Zurzeit wird das Stück FLUTLICHT – das boat people song projekt geprobt. Auch diesmal sind es die äußeren Ereignisse, die das Leben in der Gruppe beeinflussen und das Stück mit entwickeln. Aktuell ist es die drohende Abschiebung der Familie Osmani, die alles überschattet. Es ist verrückt; einerseits singen junge Syrer und Afghanen vom Krieg in der Heimat, andererseits ist der Ort ihrer Ankunft, Deutschland, kein „sicherer Herkunftsort“ mehr für unsere Spielerin Anita, die in Göttingen geboren und aufgewachsen ist und dennoch mit ihren Eltern nach Kosovo ausreisen soll.

Wovon wird unser Liederabend handeln? Jeder Tag bringt neue Einsichten und Aspekte, manchmal ist das Theater für die Spieler ganz im Hintergrund – wenn Abschiebung droht, oder wenn der Bruder, die Schwester eines Spielers gerade in Libyen festsitzt oder auf der „Balkanroute“ – , und dann wieder gerät die Gruppe in den Fokus, wird zum Ort der Möglichkeiten für die Jugendlichen und für uns, die wir in enger Verbindung mit ihnen stehen.

Mittlerweile gehören auch Göttinger Jugendliche und Student*innen zum jungen boat people projekt, sowie auch fünf Mädchen aus Eritrea, die erst seit kurzer Zeit hier sind. Wir sind bereit für alle, die kommen.

 

Luise Rist